Donnerstag, 10. September 2026

UNORDNUNG NEXT LEVEL? DER NATURNAHE GARTEN

Frau war mit Genuss am NaturGartenwerk. Lassen Sie sich von mir (ver-)führen.

Lila blühendes Geranium am Biotoprand

Eingangs die Kommentare meiner letzten beiden BesucherInnen. Eine liebe Freundin meinte nachdem sie ihren Blick durch wucherndes Grün schweifen hat lassen: "Gell, Du brauchst auch dringend jemanden zur Gartenpflege". 

Etwas drastischer meldete ein hochgeschätzter Verwandter, als er sich etwas bücken musste, um den Weg zwischen Farn und den sich zu ihm neigenden, mit unzähligen kleinen Hagebutten besetzten dornenlosen Rosenzweigen zu passieren: "Ich leih Dir gerne meine Motorsäge. Da wird's wieder sonniger in Deinem Garten."

Unterschiedlich große Steine am Biotoprand, darauf eine Libelle

Die beiden wissen, dass ich's in manchen Dingen mit Ordnung nicht so genau nehme; was sie aber überhaupt nicht verstehen ist, dass so richtige Ordnung und Sauberkeit, wie sie sich das vorstellen und in ihren Gärten walten bis wüten lassen, für mich nicht in Frage kommt. Ihre Begeisterung über meinen Garten ist endenwollend und ich lebe gut damit.

Warum mein Garten nicht ordentlich sein soll? Weil ich andere Prioritäten habe. Er soll so naturnah wie möglich sein, um möglichst vielen Tieren Lebensraum zu bieten.

Lassen Sie mich Ihnen ein paar größere und auch winzige Projekte dieses Jahres zeigen.

Ein junger Frosch auf einer Trittplatte am Biotoprand.

Dieser Grasfrosch zum Beispiel lebt mit einigen anderen in dem Biotop, das ich heuer habe anlegen lassen und dessen Making of ich im Juni vorgestellt habe. Das alte war verlandet und letztes Jahr endgültig zum Queckenparadies verkommen. Die Froschfamilien, die mich jahrelang erfreut haben, sind abgewandert, die Posthornschnecken, Wasserläufer und Libellen haben sich auch wirtlichere Orte gesucht. Solche mussten daher dringend wieder geschaffen werden.

Aus den Wasserlinsen taucht ein Frosch auf.

Zu meiner großen Freude haben sich einige der 8 Kaulquappen, die ich mit "Impfwasser" für das Biotop geschenkt bekommen habe, prächtig entwickelt. War eine Überraschung, denn der fast durchgängige Wasserlinsenteppich (unordentlich!), der in der Sommerhitze die Temperatur des Biotops reguliert hat, bot ihnen perfektes Versteck vor den fünf Nachbarkatzen, die lauernd die Froschburg umstreichen. Und bis vor kurzem vor meinen Augen.

Blätter und Blüte der heimischen Kleinen Seerose.

Besonders hat mich auch gefreut, dass die Kleine Seerose (Nymphaea candida) einige Blüten gezeigt hat. Als eines der Froscherl bilderbuchmäßig auf einem Seerosenblatt saß, hatte ich natürlich keine Kamera dabei. Auch die Libellen blieben unabgebildet.

Eine Biene fliegt die blaue Blüte des Hechtkrauts an.

Das Herzblättrige Hechtkraut (Pontederia cordata) erfreut und freut sich über regen Besuch.

Sie meinen, das geht ja grad noch? Naja! Was aber absolut unordentlich ist, also so arg, dass ich es nur mit Schamesröte überzogen zeigen sollte: Der Boden des schattigen Teils des Biotops, wo die uralten Pfingstrosen und ebensolche Hortensien stehen und wohin ich Geranium und Frauenmantel gesetzt habe, ist nicht nur überwuchert mit Goldnessel, sondern auch mit Brombeerranken. 

Schande über mich? Oh nein! Die perfekte Ausrede für die faule Gärtnerin: Dort können sich die Frösche und anderes Getier von der Aufmerksamkeit der mordlüsternen Katzen diskret zurückziehen.

Biotoprand, wie oben beschrieben.

Der Steinhaufen auf der Südseite des Beets wird gerne als Landeplatz von Vögeln und Insekten verwendet, wie hier (unten) von der Amerikanischen Mauerwespe. Ich hege die Hoffnung, dass sich zwischen den Steinen Tiere ansiedeln...

Amerikanische Mauerwespe auf einem großen Stein

Aber der Unordnung nicht genug! Es gibt noch viel mehr für viele Menschen chaotisch imd abstoßend Wirkendes in meinem Garten. Zum Beispiel die aktuellen und zukünftigen Behausungen für Wildbienen und Käfer, deren nicht mit Draht geschützte Teile besonders von Specht und Kleiber gern besucht werden.

Bemooster, morscher Stamm mit diversen Fraßlöchern

So lasse ich sterbende oder gestorbene Bäume, die in Würde aufrecht stehen, an ihrem Platz. Ein Hollerstamm (Holunder, Sambucus nigra) zum Beispiel sützt die Eiben (Taxus baccata) und dann gibt es seit Jahren vier Fichtenrelikte hinterm Haus, über deren Schatten sich die Nachbar:innen aufgeregt hatten. 

Die (nein, nicht die Nachbar:innen) habe ich zwar kappen lassen, aber sie stehen nach wie vor wie umrankte Totempfähle habt Acht. Hinter ihnen direkt am Zaun wird meine erste, mit Brombeer wild umrankte Benjeshecke regelmäßig mit Schnittgut aufgefüllt. Weiß nicht, ob die dargebotene Optik den Beschwerdeführer:innen besser gefällt als die Fichten, die brüllende Hitze abgehalten hätten.

Parallel zu einem toten Stamm mehrere Äste.

Dieses Jahr hat die ebenfalls schon länger kahl stehende kaputte Weichsel (in D: Sauerkirsche) Gesellschaft bekommen. Von einigen Ästen des umgefallenen Goldregens, einem schon seit Jahren herumliegenden Wurzelstock und - wie ich dachte - einer Ramblerrose.

Der obere Teil des umrankten Baums, dahinter hohe Bäume.

Als zweig- und blattloser Stecken gerettet aus dem verwüsteten Beet vor dem Goldregen, eingesetzt zum Beranken der "Totholzskulptur" stellt sich der angebliche Rambler als Duftschneeball (Viburnum farreri) heraus. 

Zwar kein einheimischer Strauch, aber ein Winterblüher und -dufter. Bisher wurden alle dort gesetzten Bäume und Sträucher von Wühlmäusen weggejausnet. Möge das vitale Viburnum denn sein Glück versuchen.

Liegender Wurzelstock, davor Sand, Thymian und eine Tonkugel.

Zu Füßen der Totholzskulptur habe ich vor ein paar Tagen ein sehr unprofessionelles Sandarium angelegt. Mogelpackung, eher ein Sandarium-Zitat. Sand war in größerer Menge in der Sandkiste vorhanden, der ist aber suboptimal, obwohl schon teilweise mit Lehm durchmischt. Ich werde beobachten und, sollten sich keine Erdbienen ansiedeln, so werde ich das Sandarium neu anlegen.

Zwei Blumengefäße, dazwischen und dahinter Nisthilfen.

Schon sehr lange steht das  eigentlich nutzlose "Insektenhotel" in der Gegend rum. Geschenkt bekommen, danke gesagt, hingestellt und angenommen, dass sich nie irgendein Fluggerät dorthin verirren wird. Aber nach Jahren des Vorsichhingammelns haben ganz kleine Wildbienen gefunden, dass man es doch einmal dort probieren könnte. Das mit Löchern versehene, minutiös nachgeschliffene Hartholz daneben wurde umgehend als Nisthilfe angenommen.

Schräg abgeschnittener Zweig mit sichtbarem Mark vor Draht.

Vorgestern habe ich Himbeer-, Brombeer- und Rosenranken geschnitten und ein paar mittelkurze Exemplare in die Blumentöpfe gesteckt. Könnte interessant für die Wildbienen sein. Kein Aufwand, einfach probieren.

Den Rest der Ranken, so nicht allzu bedornt, habe ich wieder mit Draht umflochten; sie fungieren in Verbindung mit Armiereisen als Beetbegrenzung und/oder Staudenstütze ("Ich hab einige überzählige grüne Staudenstützen, die fallen nicht auf, kann sie Dir gerne geben").

Gewundene Zweige in wildem Beet.

Das untere Bild zeige ich Ihnen nicht nur, um Ihnen die schreckliche Unordnung im Garten vorzuführen (Wäschespinnen und Schubkarren hat die sich an Ästhetik orientierende Gärtnerin tunlichst zu verstecken, sie stören die Optik) sondern weil es mein neuestes Experiment zeigt: Einen Wildblumenfleck.

Blick durchs Akeleibeet auf Wiese, Neuanlage und Arbeitsmaterial.

Hatte nie Rasen, immer Wiese. Nach "No Mow May" ein paar mal im Jahr gemäht, wenn es denn opportun war. Für die Kinder als Spielfläche, für Feste, oder einfach nur, um die Wühlmausgänge besser orten zu können. Aber außer Wiesenschaumkraut und Löwenzahn und in Nähe der Beete Kriechender Günsel und Gundermann hat sich nichts Blumiges abgespielt. Aber, das sei en passant erwähnt, die Wiese war den ganzen heißen, trockenen Sommer saftig grün. Ohne Gießen, eh klar.

Südlich ausgerichtete Wiese mit Neuanlage, umwachsen.

Hier noch ein Bild von meinem Experiment. Wie verdeutlicht, wird die Wiese für allerlei Tätigkeiten verwendet, also könnte ich schon deshalb nicht alles abtragen, abmagern, mit heimischen Wiesenblumen und -gräsern einsäen und nur einmal im Jahr mähen. Deshalb habe ich ein kleines Fleckerl fast rasiert, Wurzelbeikräuter eliminiert und einige Wiesenblumen hineingesetzt. Dann noch Sand drauf, als Mulch und um die Amseln nicht zu höflich zum Graben einzuladen.

Auch auf diesem oberen Bild zu sehen bzw zu erahnen: Die ohne den Goldregen haltlose, sich zu Boden neigende schwer tragende Quitte, die schamhaft den Kompostplatz und die zweite Benjeshecke versteckt. Links zwischen den Eiben das stützende Hollergerippe und protzig in der Mitte meine Wäschespinne, die ich in einem Sonnenschirmständer mit Dorn je nach Sonnenstand überall in der Wiese positionieren kann.

Eine Biene sitzt auf einer verbühenden Acker-Witwenblume.

Bisher stehen drei Acker-Witwenblumen (Knautia arvensis), zwei Heilzieste (Stachys officinalis) und eine Wiesen-Glockenblume (Campanula patula) etwas verloren dort rum. Aber, kaum gesetzt, von (Wild-)Bienen jeglicher Art angeflogen.

In einer Reihe auf Ziegel gestellte Pflanzgefäße mit Hornveilchen.

Jaja, ich kann schon auch (fast) ordentlich. Wie bei den gestern gesetzten Hornveilchen (Viola corunta), die Ankommende zum Haus begleiten. Im Frühling sollte sich die heimische Kleine Traubenhyzinthe (Muscari botryoides) dazwischenmogeln. Die Hornveilchen sind zwar nicht heimisch, aber sie bieten mehreren Wildbienenarten, Schmetterlingen und Raupen Nahrung. So wie die Quitte, die ja auch ein Neophyt ist, deren Blüten aber reich an Pollen und Nektar sind und über deren Früchte sich die Vögel ebenso freuen wie zum Beispiel die Igel.

Nicht ganz reife, große Quitten am Baum.

In meinem Garten wachsen viele nichtheimische Pflanzen, einige davon sind absout uninteressant für jene Tiere, die ich unterstützen will. Die üppige Wühlmaus- und Schneckenpopulation ist da weniger heikel. 

Diese Bäume, Sträucher und Stauden werde ich bestimmt nicht entfernen und ohne die tatkräftige Unterstützung der Wühlmäuse geht so schnell (hoffentlich) nichts ein. Auch haben Stauden, die ich aus verschiedenen Gründen besonders mag, wie das Patagonische Eisenkraut (Verbena bonariensis), durchaus Bleiberecht. 

Biene an patagonischem Eisenkraut (Verbena bonariensis)

Aber bei Neupflanzungen achte ich darauf, möglichst mit der und nicht gegen die örtliche/n Natur zu gärtnern. Auch wenn die Ästhetik des Gartens eine andere ist als von vielen Menschen gewohnt und geschätzt. Der Reiz der naturnahen Pflanzungen eröffnet sich den Achtsamen, Aufmerksamen und nicht den Ordnungsfanatiker:innen. 

Bei Festen hat meine angebliche Unordnung übrigens noch nie wesentlich gestört.

Zwei Vorspeisenplatten auf einer Glasplatte, rundum Grünzeug

Abschließend singe ich noch ganz besonders laut das Lob auf die gärtnerische "Unordnung": Sie braucht weniger Pflege und schont dadurch meine Wirbelsäule und vergibt die Phasen, in denen ich nichts im Garten machen kann und mich notgedrungen dem gärtnerischen Laissez-faire hingebe.

Dann sitze ich nur in meiner schattigen grünen Wildnis und beobachte beglückt, wie sich die Natur ungeniert ausbreitet. 

Wunderbar unordentlich. Sie sollten es auch probieren!

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