Dienstag, 29. Januar 2019

STADT SPÜREN

Frau war am Reisewerk. Nicht, wie man vermuten sollte, als Winterflüchtling in südliche Gefilde, nein: gen Norden zog sie hin. Was rein temperaturmäßig ein Fehler war.


Als Angehörige eines Gebirgvolks mit jahrelanger klirrend eisiger Innergebirgserfahrung könnte man ja annehmen, dass tiefe Temperaturen nicht wirklich dramatisch sind für mich. Auch das ist ein Fehler. Denn Kälte ist dann unproblematisch, wenn man ihr mit adäquater Kleidung be- oder gar entgegnet. Was aber bei Flugreisen im Billigflieger, bei denen man im Handgepäck nicht wesentlich mehr als Unterwäsche zum Wechseln unterbringt, schwierig wird.


Ach so... Sie wollen wissen, wo ich gefroren habe? In Berlin. Sehr sogar. Sehr gefroren und sehr Berlin. Die Stadt hat sich erfolgreich mit eisernem und eisigen Griff an meine eingefrorenen Füße geklammert, als hätte ich nicht die zugegeben dünnen Sohlen mit Woll- und Alueinlagen aufgetrippelt, als hätte ich nicht zu meinen dicken Socken noch Strumpfhosen angezogen.


Ich bin mit dem Berliner Boden nicht verschmolzen, ich bin mit ihm zusammengeeist und er hat mich unverfroren eingefroren. Trotz der fünf Schichten (sprich dem gesamten Inhalt meines Gepäcks), mit denen ich ihm zu trotzen versuchte.


Die ersten zwei Tage trug die Kälte einen Teilsieg davon. Ich habe zwar meine Kamera im Rucksack mit mir geschleppt, jedoch kein einziges Bild aufgenommen. Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen und bin blau gefroren, aber unbeirrt stundenlang durch die Stadt marschiert. So nicht, geliebtes Berlin. Nicht mit mir!


Am dritten Tag, als die Kälte zwar nicht mehr ganz so klirrte, ich aber noch immer schockgefroren war, hat mir ein besonders lieber Mensch Orte nahe gebracht, die ich noch nicht oder so noch nicht gesehen hatte. Da hätten meine aufgetauten Finger zwar wieder den Auslöser betätigen können, da musste ich aber staunen, hören, fühlen. Wieder - auch emotionale - Wärme auftanken.


Auch am vierten Tag stand erquickliches Zwischenmenschliches im Vordergrund, umspielt von einigen Galeriebesuchen. Keine Zeit für und, um ehrlich zu sein, auch keine Lust auf einen Photowalk, obwohl ich für die Kamera Regenbekleidung griffbereit gehabt hätte.


Aber dann kam der fünfte Tag. Da  war ich nicht mehr zu bremsen. Den morgendlichen Schnee, der in konstantes Nieseln überging, geflissentlich ignorierend, bin ich mit meinem photographischen Festhalteblick losgezogen.


Es war der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Nicht erst in Gedanken an diese unendlich vielen entrechteten, verfolgten, vertriebenen und ermordeten Menschen wurde mir meine Zimperlichkeit bewusst.


Auf meinem Weg sind mir viele JoggerInnen untergekommen, viele touristische Gruppen. Ich habe Spuren des Gedenkens gesucht. Nicht nur die Stolpersteine, über die die meisten Menschen latschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen.


Vor dem Reichstagsgebäude schlängelten sich Massen von Kuppelbesichtigungsgierigen. Das Denkmal zur Erinnerung an 96 von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete schien unbeachtet, nur für zwei Touristen diente es als Rucksackablage. Bis ein offenkundig einheimischer Passant freundlich, aber bestimmt Achtung einforderte.


Die wie immer auf den Stelen des Holocaust Mahnmals herumturnenden Selfie-Schießer versuchte ich zu ignorieren, warf nur einen Blick auf versunkene Menschen und ging weiter.


Inniges Gedenken war für mich spürbar, als ich einem Mann folgte, der einen Kranz über die Straße in Richtung Tiergarten trug.



Er legte ihn zu den Kränzen anderer Parlamentsparteien am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen nieder. 


Andere kamen und brachten Blumen mit, vorbeigehende Menschen blieben stehen. Lange stehen.


Mein Weg führte mich nicht weiter hinein in den Tiergarten zum Denkmal der verfolgten Sinti und Roma, sondern ich beschloss, auf mich zu achten und meine inzwischen nicht mehr gefrorenen, sondern zur Abwechslung durchweichten Füße zu trocknen, bevor ich mich zum nächsten erbaulichen Treffen aufmachte.


An diesen fünf Tagen haben meine Füße zahllose Kilometer gefrorenen, schneebedeckten und schließlich nassen Berliner Bodens gespürt. Trotz der dazugemogelten Zwischenschichten, auf die jede Prinzessin auf der Erbse stolz wäre.


Eines hat mich verwundert und berührt: Die Blickkontakte waren sogar hinter der Eistränenschicht der ersten Tage durchwegs warm. So offen und freundlich habe ich Berliner Blicke noch nie erlebt. Keine schnoddrigen Bemerkungen, die man erst dechiffrieren muss, um das Gesagte nicht in den falschen Hals zu bekommen. Das Resultat des gemeinschaftlichen Frierens, die Allianz der roten und in Räumen umgehend triefenden Nasen waren unübersehbar.


Ich habe die unsagbarsten Beisln (ach ja, falscher Ausdruck: Kneipen) besucht, und bin dort, in der Tram und auf der Straße, nicht nur in touristisch frequentierten Stadtteilen, von den unterschiedlichsten Menschen angesprochen worden. Auch diese Mitteilsamkeit war mir - zumindest in diesem Ausmaß - neu in Berlin. Als wollten wir versuchen, nicht auch noch den Mund zufrieren zu lassen, als trachteten wir, uns gegenseitig und selbst Mut zu machen.


Ich habe Berlin gespürt. Die Stadt, ihre Menschen. Es war schön.

2 Kommentare:

  1. Sehr schöne Einblicke und Fotos! Kälte mit Wärme gemischt. Ich hab fast das Gefühl, ich wäre dabei gewesen! :)

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    1. Eigenartig, +lexxox! Mag wohl an meiner lebendigen Schilderung liegen. Das Temperaturwechselbad war noch so frisch, da gings leicht von der Hand. ;-)
      btw: Danke fürs Belobigen, freut.

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